Mein effektives Tagebuch-System

Tagebücher gelten häufig als zeitaufwendig, künstlerisch und Zeitverschwendung. Allerdings hat das Tagebuchschreiben große Vorteile und kann auch ganz anders aussehen als die künstlerischen, mit Kalligrafien verzierten Bullet Journals aus den sozialen Medien. Mein Tagebuch-System ist einfach, schnell und bietet trotzdem die klassischen Vorteile der Reflexion, Selbsterkenntnis und Verbesserung.

Dieser Artikel wird zuerst die Vorteile des Tagebuchführens aufzeigen und danach mein persönliches Tagebuch-System erklären. Dieses System kannst du als Inspirationsquelle nutzen und an deine individuellen Bedürfnisse anpassen.

Die Vorteile des Tagebuchführens

Meiner Meinung nach sollten alle Menschen zumindest einer simplen Tagebuchroutine nachgehen. Wir alle können von den Vorteilen der regelmäßigen Reflexion profitieren und dadurch zu einer tieferen Selbsterkenntnis kommen, die unser Leben nachhaltig verbessert. Die Vorteile des Tagebuchschreibens sind sehr vielfältig. Mein Tagebuch ist für mich ein Kompass, durch den ich auf Kurs bleibe und durch den meine täglichen Gewohnheiten im Einklang mit meinen langfristigen Zielen stehen.

Da man beim Tagebuchführen dazu gezwungen ist, sich mit dem vergangenen Tag auseinanderzusetzen, beginnt man automatisch, das eigene Verhalten zu hinterfragen. Dieser Reflexionsprozess ist wichtig, wenn man sich weiterentwickeln möchte. Dadurch lernen wir unsere eigenen Schwächen kennen und können daran arbeiten, sie zu verbessern. Besonders in Krisenzeiten kann das Tagebuchführen helfen, andere Menschen, Emotionen oder Dinge loszulassen.

Außerdem hilft das Tagebuch dabei, sich besser an das eigene Leben zu erinnern. Die Zeit verfliegt oft viel zu schnell und wir halten nicht oft genug inne, um die Welt um uns herum zu genießen. Ein Tagebuch hält die täglichen Gedanken und Gefühle fest. Auf diese Weise kann man auch Jahrzehnte später eine Zeitreise an einen Tag in der eigenen Vergangenheit unternehmen. Natürlich sollte das Tagebuch die eigenen Erinnerungen nicht ersetzen, sondern nur anstoßen. Genau wie ein Bild, ein Geruch oder ein Gefühl kann auch ein Tagebucheintrag Erinnerungen aktivieren und an die Bewusstseinsoberfläche bringen.

Die eigene Tagebuchroutine ist ein Moment der Ruhe und der Achtsamkeit im sonst oft stressigen Alltag. Durch sie lernt man, sich auf den Augenblick zu konzentrieren und die schönen, kostbaren Momente des Lebens wertzuschätzen. Tagebuch zu schreiben kann eine Art Meditation sein, wenn man sich darauf einlässt.

Auch wenn diese Vorteile sehr kryptisch und metaphysisch klingen, sind sie in der Praxis tatsächlich bemerkbar. Ich führe seit Ende 2020 Tagebuch und habe mein System in den folgenden Jahren immer weiter verfeinert. Mein System ist größtenteils digital, benötigt nicht viel Zeit und bietet gleichzeitig trotzdem die oben genannten Vorteile.

Mein persönliches Tagebuch-System

Ich unterteile meine Tagebuchroutine in drei Teile: die Tages-, Wochen- und Jahresübersichten. Durch diese Aufteilung kann ich sowohl kurz- als auch mittel- und langfristig denken, planen und reflektieren. Die Tagesübersichten jeweils nur wenige Minuten, am Sonntag nehme ich mir rund 30-45 Minuten Zeit für die Wochenübersicht und einmal im Jahr plane ich (über mehrere Tage verteilt) einige Stunden für meine Jahresübersicht ein.

Ich nutze für meine Tagesübersichten einen Wochenkalender, der pro Tag zehn Textzeilen bietet. Der Rest meiner Tagebuchroutine läuft digital im Programm „Obsidian“ ab, mit dem ich Markdown-Dateien schreibe, die auf jedem Computer gelesen werden können. Natürlich kann man dafür auch jedes andere Textverarbeitungsprogramm nutzen.

Wenn du dir meine Tagebuchroutine in Obsidian genauer anschauen möchtest, habe ich in einem diesem Artikel meine Vorlagen für die Wochen- und Jahresübersichten geteilt.

Tägliches 3-Minuten-Tagebuch

Pro Tag beantworte ich drei Fragen, indem ich dazu jeweils einen Satz oder einige Stichworte in meinen analogen Kalender schreibe. Die drei Fragen lauten:

Normalerweise schreibe ich hinter dem Kürzel „H“ für Highlight einen Satz über die ein bis drei Höhepunkte des vergangenen Tages. Darunter folgt die mit „L“ abgekürzte Lektion sowie die mit „K“ abgekürzten Kontakte, die ich am jeweiligen Tag hatte.

Außerdem schreibe ich die Qualität des Tages auf einer Fünf-Punkte-Skala von -2 (furchtbar) über -1 (schlecht), 0 (gut), +1 (sehr gut) bis +2 (fantastisch) auf. Der gesamte Prozess dauert pro Tag nur wenige Minuten und kann auch noch abends im Bett erledigt werden. Wenn ich es trotzdem abends nicht mehr schaffe, Tagebuch zu führen, hole ich das direkt am nächsten Morgen nach.

Wochenübersicht

Jeden Sonntagabend übertrage ich die analogen Tagesübersichten in mein digitales Tagebuch. Dazu übernehme ich die Highlights sowie die Kontakte der jeweiligen Tage und suche mir die wichtigste Lektion der Woche aus. Danach vermerke ich drei Dinge, für die ich dankbar bin. Das können Personen, Ereignisse, Erlebnisse oder etwas ganz anderes sein.

Wenn mir ein Ereignis der Woche besonders wichtig oder prägend erscheint, übernehme ich es in eine gesonderte Notiz, die ich im Dezember für meine Jahresübersicht nutze und die alle Meilensteine meines Lebens enthält. Das kann beispielsweise ein Abschluss, eine Hochzeit oder ein Jahrestag sein.

Am Ende meiner Wochenübersicht schreibe ich einige frei formulierte Absätze darüber, wie ich mich im Verlauf der Woche gefühlt habe. Dieser Punkt nimmt die meiste Zeit ein und verbindet die Geschehnisse der Woche mit meinen Emotionen. Dieses freie Schreiben dient der Reflexion und hilft mir am Ende des Jahres, meine Jahresübersicht zu schreiben.

Jahresübersicht

Die Jahresübersichten sind der umfangreichste und aufwendigste Teil meines Tagebuch-Systems. Sie sind eine Art Rückblick auf das vergangene Jahr und listen meine Erfolge und Wachstumschancen auf. Außerdem bieten sie noch mehr Raum für Reflexion als die Wochenübersichten und dienen der Planung des nächsten Jahres.

Zu Beginn der Jahresübersicht liste ich alle Meilensteine und wichtigen Ereignisse auf, die ich im Laufe des Jahres in die gesonderte Notiz übernommen habe.

Danach reflektiere ich, in welchen Bereichen meines Lebens ich Fortschritte gemacht habe und worauf ich mehr achten sollte. Dazu schreibe ich pro Bereich ein bis fünf Absätze Text, welche die drei Ls enthalten (Englisch für „liked, learned, lacked“). Diese Bereiche sind:

Aus diesen Absätzen arbeite ich im folgenden Abschnitt die drei größten Wachstumschancen für das nächste Jahr heraus. Ich habe als Anzahl drei gewählt, da man sich drei Dinge gut merken kann und nicht davon überfordert wird.

Der letzte Abschnitt nutzt die vorangegangene Reflexion für die Planung des nächsten Jahres. Ich setze mir jedes Jahr vier Ziele (eins pro Quartal). Zuerst werden die vier Ziele des vergangenen Jahres evaluiert: Welche habe ich erreicht, wo fehlt noch etwas und was hätte ich besser machen können? Danach lege ich die Ziele des nächsten Jahres fest und beschreibe in einem Absatz, was ich konkret erreichen möchte. Die Ziele sollten dabei so spezifisch und messbar wie möglich sein.

Am Ende meiner Jahresübersicht gebe ich dem nächsten Jahr noch eine Art Motto oder Hauptfokus. Das ist ein Wort oder eine kurze Phrase, die das Motiv des kommenden Jahres festlegt. Die Idee dafür stammt aus dem chinesischen Kalender, der jedem Jahr ein Tier zuweist. Beispielsweise war 2024 in China das Jahr des Drachen - mein Hauptfokus für 2024 waren meine Gewohnheiten.